Ein Film von Franz Herzog
SALZBURG SCIENCE FILM, Austria © 1997
Stichwörter: Leben und Kultur der Bergvölker im Himalaya, Bergstürze bedrohen Siedlungen und Menschen, faszinierende geologische Forschung, Parallelen zwischen Wissenschaft und Mythologie
Länge: 33 min.
Bestellbar bei Franz.Herzog@sbg.ac.at um € 22.- (VHS-Kassette inkl. Versand)
Der Himalaya: Wachsende Berge, Tiefe, Höhe, Schwerkraft, Gefahr und Zerstörung, aber auch Fruchtbarkeit, Leben...und lebendige Mythen.
In vielen Gegenden des Himalaya leben die Bergvölker heute noch ein einfaches, ursprüngliches Leben wie im Mittelalter. Ohne Einsatz von Maschinen bearbeiten sie ihre exponierten Felder, bauen ihre Häuser aus Steinen, Lehm und Holz - ausschließlich mit ihrer Hände Arbeit. Da es noch kaum Straßen in den Hochlagen des Himalaya gibt, tragen Männer, Frauen und sogar Kinder schwere Lasten auf ihrem Rücken über Berge und Täler.
Aber ihr Leben an den steilen Berghängen ist nicht nur von Entbehrungen geprägt, es ist auch ständig konfrontiert mit den dynamischen Prozessen des Werdens und Vergehens im höchsten Gebirge der Welt: Denn sogar massive Berge können zerreißen und schleudern ihre tödliche Fracht auf die fruchtbaren Dörfer und seine Bewohner. Muren und Bergstürze hängen wie ein Damoklesschwert über den Köpfen des Bergvolkes. Bergstürze von gewaltigen Ausmaßen (über 10 km³ Gesteinsmassen) haben oft geotektonische Ursachen, die schon vor tausenden von Jahren das Gesicht des Gebirges verändert haben.
Heute aber sind solche Naturkatastrophen immer häufiger die Folge von ökologischen Problemen wie der Abholzung durch den steigenden Brennholzbedarf. Die Menschen müssen oft schon viele Stunden gehen, um Feuerholz zu finden. Im Dorf Dharbang im Dhaulagiri-Gebiet hat ein 150 m hoher Bergsturz bereits zweimal zahlreiche Häuser verschüttet und hunderte Menschen lebendig begraben. Überlebende berichten über die schrecklichen Ereignisse vom Herbst 1988.
Österreichische Geologen der Universität Salzburg haben in den letzten Jahren im Nepal-Himalaya den größten Bergsturz der Erde erforscht. Er ist allerdings bereits vor 40.000 Jahren in die Tiefe gestürzt, noch bevor die Hochtäler des Himalaya besiedelt worden sind. Und dieser Bergsturz ist einzigartig auf der Welt. Denn die Geologen haben nur hier die durch die enorme Reibungshitze wieder aufgeschmolzene Gleitfläche gefunden, die normalerweise tief unter den Gesteinsmassen verborgen liegt. Am Bergsturz vom Tsergo Ri im Langtang Himalaya in Nepal hat sich ein Bach so tief eingeschnitten, daß die Gleitfläche des Bergsturzes freigelegt wurde. Und was man hier gefunden hat, war eine Sensation:
Der durch die Reibungshitze des abrutschenden Bergsturzes wieder aufgeschmolzene "Friktionit" liegt als mehrere Zentimeter dickes, glasiges Gesteinsband zwischen der ursprünglichen Gesteinsunterlage (Gneise) und dem darübergeschobenen, mehr oder weniger stark zerbröselten Bergsturzmaterial (Migmatite und zu Brekzien zerriebene Granite).
Den Schlüssel zu dieser phantastischen wissenschaftlichen Entdeckung lieferte aber erst die Erforschung des größten Bergsturzes der Alpen im Kristallin im Tiroler Ötztal. Denn in Köfels im Ötztal hatte der Münchner Geologe Ekkehard Preuss zum ersten Mal die Idee, daß ein Bergsturz soviel Reibungshitze (1700° C) erzeugen könnte, um das darunterliegende Gestein aufzuschmelzen. Am Tsergo Ri im Langtang Himalaya hat diese zukunftsweisende Idee angesichts der aufgeschmolzenen Gleitfläche ihre großartige Bestätigung gefunden.
Durch eine Reihe von Spezialuntersuchungen haben in den letzten Jahren österreichische Forscher den dynamischen Ablauf der gewaltigen Naturkatastrophe wie bei einem Puzzlespiel rekonstruiert:
Innerhalb des Bergsturzes konnten sie mit Hilfe mineralogisch-petrografischer Methoden verschiedene "Gesteinszerrüttungsklassen" unterscheiden, die mit dem morphologischen Erscheinungsbild im Gelände übereinstimmen. D.h. dort, wo der abgebrochene Felsgrat - bestehend aus Graniten - auf seinem Weg nach unten auf Hindernisse prallte und stark zerbrochen und zerrüttet wurde, dort sind auch heute die Zonen der größten morphologischen Aktivität bzw. Erosion.
In den an der Bergsturzmasse austretenden Quellhorizonten haben die Salzburger Geologen die elektrische Leitfähigkeit der Bergwässer gemessen und festgestellt, daß diese mit dem Grad der Gesteinszerrüttung korreliert. D.h. in stärker zerrütteten Gesteinen gehen mehr Teilchen in Lösung und erhöhen die elektrische Leitfähigkeit.
Die Untersuchung der mechanischen Beanspruchung der Bergsturzgesteine ermöglichte also eine Rekonstruktion der Bewegungsabläufe innerhalb der Gleitmasse und ihrer Teilschollen während der Talfahrt.
Ein interessanter Befund ist auch, daß die hellen Granitgänge im Abrißbereich des Bergsturzes die gleiche Raumlage wie die aufgeschmolzene Gleitfläche haben. Daraus schließt man, daß die spröden Granite die Destabilisierung des Bergkammes begünstigten. Dasselbe läßt sich von einer dort gefundenen Vererzungszone feststellen.
Die Vergletscherung der letzten Eiszeit transportierte etwa zwei Drittel der gesamten Bergsturzmasse fort.
Soweit die Ergebnisse der österreichischen Forscher.
Aber die Kräfte der Natur werden von den Menschen unterschiedlich gedeutet. Was die Geologen mit naturwissenschaftlichen Methoden erklären, ist für die Bewohner des Himalayagebirges das Werk der Götter. Und zwischen der Kosmovision der alten Mythen und den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen gibt es erstaunliche Parallelen:
Und das wird nirgendwo so deutlich wie durch die Naturwunder im heiligen Pilgerort Muktinath, nördlich der Himalaya-Hauptkette, wo in einem buddhistischen Tempel eine ewige Flamme auf den Wasserquellen brennt. Die einzigartige Hochgebirgslage und die dort zu findenden Ammoniten, die in Indien und Tibet seit Jahrtausenden als Zaubersteine gelten, machen die Lage Muktinaths als mystischen Ort vollkommen. Für die Hindus ist die Quelle von Muktinath eine der heiligen Gangesquellen.
Vom naturwissenschaftlichen Standpunkt aus brennt die heilige Flamme von Muktinath durch Erdgas, das im Ammonitschiefer gebildet wird.
Wie fast alle religiösen Pilgerstätten im Himalaya, wird auch Muktinath von Hindus und Buddhisten besucht. Beide Religionen begegnen einander mit großer Ehrfurcht und Toleranz, die auch den übrigen Religionen der Welt als Vorbild dienen könnte.
Bergstürze kennen wir:
Historische Bergstürze haben auch in den Alpen immer wieder großen Schaden angerichtet:
Beispiele: Im Jahr 1669 ging vom Salzburger Mönchsberg ein Bergsturz nieder, der über 300 Menschenleben forderte. Eine der schlimmsten Katastrophen, die es je in den Alpen gab, passierte 1963 in den Dolomiten (Provinz Belluno). 300 Millionen Kubikmeter Fels stürzten in einen Stausee und brachten ihn zum Überschwappen. Die Überschwemmung vernichtete den Ort Longarone, 2500 Todesopfer waren zu beklagen.
Die feste Erdkruste besteht aus beweglichen Platten, die auf dem zähplastischen, heißen Erdmantel „schwimmen“ (Alfred Wegener 1914, aber erst 1950 allgemein anerkannt). Wenn zwei Platten sich aufeinander zubewegen und schließlich kollidieren, wird die Sedimentfüllung des dazwischenliegenden Meeresbodens zu einem Gebirge zusammengeschoben. Im Falle des Himalaya schob also die Front der indischen Kontinentalplatte die Sedimente des damaligen „Tethys“-Meeres zusammen, während im Norden die älteren Gebirge Tibets ein starres Widerlager bildeten. So wurde die Nordbewegung des werdenden Himalaya gebremst und die früher im Meer abgelagerten Gesteine gefaltet und als Gesteinsdecken nördwärts überschoben. Dabei drang heißes Magma aus dem Erdmantel in die entstandenen Fugen ein und erstarrte zum Beispiel zu grobkörnigem Granit. Schließlich kommt es am Ende der Gebirgsbildung zu Gewichts-Ausgleichsbewegungen und das Himalayagebirge hob sich in wenigen Millionen Jahren auf die heutige Größe an - innerhalb der letzten 1 Million Jahre um 4000 bis 5000 Meter. Das sind jährlich 4 bis 5 Millimeter. Auch heute noch hebt sich der Himalaya - jährlich sogar um etwa einen Zentimeter.
Die Kollision der Platten geschah aber bereits vor ca.60 Millionen Jahren.
Die Tourismuswirtschaft verkauft den Himalaya als "Shangri La", als Paradies und Abenteuerspielplatz für Trekker und Bergsteiger aus aller Welt. Doch es gibt auch eine andere Seite der Medaille: Nepal gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Es fehlen vor allem Gesundheits- und Bildungseinrichtungen. Nur ein Viertel der schulpflichtigen Kinder geht zur Schule. Die durchschnittliche Lebenserwartung von 46 Jahren und die Alphabetenrate von 23 Prozent werden in Asien nur von Afghanistan unterboten. Gleichzeitig wächst die Bevölkerung jährlich um ca. 2,6 Prozent und es leben heute über 20 Millionen Nepali auf einer Fläche wie Österreich und die Schweiz zusammen. 90 Prozent sind Bauern, aber der Boden wird zunehmend knapp und ernährt die Menschen kaum mehr. Und weil die Nepali ihre Energieversorgung zu 80 Prozent durch Holz decken, bedroht die Vernichtung des Waldes das ökologische Gleichgewicht. Auch die jährlich ins Land kommenden 300.000 Touristen verbrauchen große Mengen Holz und hinterlassen tonnenweise Müll. Wohlstand bringen sie nur Wenigen. Nepals Hauptstadt Kathmandu droht im Verkehrsinfarkt und der damit verbundenen Luftverpestung zu ersticken. Diese schwierige Situation versuchen die Nepali mit Hilfe von nationalen und internationalen Nichtregierungsorganisationen zu verbessern. Doch diese Hilfe kann meist auch nur punktuelle Verbesserungen bringen.
Über 200 km legte das Filmteam unter der Leitung von Dr. Franz Herzog mit schwerem Equipment zu Fuß im Himalaya zurück und dokumentierte einen einfühlsamen und intimen Einblick in das archaische und oft gefahrvolle Leben des Bergvolkes, das sich seit vielen Jahrhunderten kaum geändert hat. Es ist eine fremde Welt, deren Spuren in den Alpen längst verweht sind. Im Himalaya ist dieses "alte Leben" lebendig geblieben und wir können dort noch die Lebensweise unserer Vorfahren vor vielen Generationen in den Alpen nachempfinden.
Es ist faszinierend und berührend zugleich die Menschen im Himalaya in ihrem Alltag, bei der Arbeit oder beim Gebet zu beobachten und in ihre freundlichen und lachenden Gesichter zu blicken, die trotz der Härte des Lebens so viel Freude, Ausgeglichenheit und Glück ausstrahlen. Es sind ursprüngliche Lebens - und Arbeitsformen, fernab der Zivilisation. Ein Leben fast wie in der Steinzeit, mit einfacher, aber altbewährter angepaßter Technologie - inmitten der wilden Natur des höchsten Gebirges der Welt.
Nepal ist bis heute eine Insel des alten Lebens geblieben. Arbeit und Spiritualität gehören zusammen und sind in den Alltag des Bergvolkes untrennbar integriert.
Mythos und Religion auf der einen und moderne Naturwissenschaft auf der anderen Seite werden als Erklärungsmodelle für das Werden und Vergehen unserer Welt gegenübergestellt. Der Film bekommt nicht zuletzt seinen besonderen Reiz durch die beiden - nur auf den ersten Blick - so gegensätzlichen Weltbilder.