School of Education
Didaktik der Naturwissenschaften

Stabheuschrecken

Carausius morosus, Sipyloidea sipylus, Baculum extradentum

Stabheuschrecke

Einige biologische Daten

Vorkommen:

Carausius morosus kommt von Ceylon über Vorder- und Hinterindien bis nach China und Japan, sowie im Bereich der großen Sundainseln vor. Das Vorkommensgebiet von Sipyloidea sipylus erstreckt sich von Madagaskar über die Indomalaischen Inseln bis nach Australien. Baculum extradentatum kommt aus Vietnam.

Verwandtschaft:

Die beschriebenen Arten haben innerhalb der sehr artenreichen Tierklasse der Insekten folgende systematische Stellung: Überordnung Geradflügler (Orthopteroidea)/ Ordnung Stab- und Gespenstschrecken (Phasmida)/ Familie Stabheuschrecken (Phasmidae)/ Gattungen Carausius, Sipyloidea bzw. Baculum.

Körpermerkmale:

Der Körper ist stabförmig langgestreckt. Länge C.morosus 7-8cm (Männchen ca. 5,5 cm), S.sipylus 9 cm (Männchen 6 cm), B. extradentatum 9,5cm (Männchen 7cm). Die Mundwerkzeuge sind kauend-beißend und nach vorn gerichtet (prognath). Die Maxillen sind noch deutlich beinartig gegliedert (ein Primitivmerkmal). Die Fühler sind +/- lang, die Beine gleichgliedrig, ohne Spezialisierung einzelner Beinpaare. C.morosus und B. extradentatum sind sekundär ungeflügelt; S.sipylus hingegen besitzt funktionsfähige Flügel. Die Deckflügel sind rudimentär (schuppenartig vor dem Ansatz der Hauptflügel liegend), die Hauptflügel reichen bis zum 6. oder 7. Abdominalsegment zurück. Mit den ausgebreitet eine Spannweite von ca. 11,2 cm erreichenden Flügeln flattern oder gleiten die Tiere nur über kurze Strecken. Die Komplexaugen sind klein und seitlich angeordnet. Die Körperfärbung variiert bei C.morosus je nach den Haltungsbedingungen von verschiedenen Grüntönen über braun bis schwarz. Bei S.sipylus sind die Larvenstadien hellgrün (bzw. ab dem 2. Larvenstadium z.T. auch strohfarbig) gefärbt, die Imagines zeigen eine an trockenes Gras erinnernde Färbung mit dunkleren Streifen, Punkten und Binden; die Ventralseite ist heller gefärbt. B. extradentatum ist in beiden Geschlechtern hell-grünlich-braun bis dunkelbraun gefärbt. Die Körperoberfläche ist teilweise dicht mit kleinen warzenartigen oder dornigen Auswüchsen bedeckt.

Nahrung:

Stabheuschrecken sind ausschließliche Pflanzenfresser, die in der Regel nachts auf Nahrungssuche gehen.

Fortpflanzung und Entwicklung

Stabheuschreckeneier
a) Ei von Carausius morosus
b) Ein von Sipyloidea sipylus (vergrößerte Abbildung)

Sowohl C.morosus als auch S.sipylus vermehren sich in der Regel in Gefangenschaft parthenogenetisch (d.h. über unbefruchtete Eier). Ganz selten treten Männchen in der Zucht auf (bei C.morosus befindet sich unter 500-1000 Weibchen ein Männchen). Bei B. extradentatum finden sich regelmäßig die etwas dünneren und kleineren Männchen in der Zucht und die Vermehrung erfolgt zweigeschlechtlich. Bei Abwesenheit von Männchen vermehrt sich die Art aber auch parthenogenetisch ("Jungfernzeugung"). Die Eier sind hartschalig und erinnern in Form und Farbe an Pflanzensamen.

Weibchen von C. morosus und B. extradentatum lassen die Eier in der Regel nachts einzeln zu Boden fallen. Die Eier von S.sipylus werden vom Weibchen ebenfalls in den Nachtstunden an Zweigen, Blättern u.a. Substraten angeklebt. Je nach Temperatur schlüpfen nach 2,5 bis 4 Monaten die Larven aus den Eiern (bei C.morosus bei 23°C nach 80, bei 16-18°C nach 105-143 Tagen). Die Entwicklung vom ersten Larvenstadium bis zum Imago dauert 3-8 Monate und läuft über 4-5 Häutungen. Die Temperatur während der Eientwicklung hat einen Einfluss auf die Geschlechtsdifferenzierung; durch 1-2-wöchige Einwirkung hoher Temperaturen (30°C) in der ersten Phase der Eientwicklung entstehen bei C.morosus Männchen oder Intersexe.

Lebensweise und Verhalten

Die meisten Phasmiden sind mehr oder weniger träge Busch- und Baumbewohner, die nachts aktiv werden und in ihren Nahrungspflanzen umherklettern. Sie zeigen als Anpassung an das Nachstellen durch Fressfeinde eine von Art zu Art verschieden gute Tarnung durch Phytomimese (=Nachahmung von Pflanzenteilen). Tagsüber ruhig in den Pflanzen sitzend, sind sie nur schwer zu entdecken. Allerdings können bei den vorgestellten Arten dennoch unterschiedliche Reaktionen auf Fressfeinde festgestellt werden. C.morosus und B. extradentatum verlassen sich völlig auf die gute Tarnung. Tagsüber hängen die Tiere meist an den Krallen des nach vorn gestreckten ersten Beinpaares im Geäst; die Fühler sind ebenfalls eng zusammen nach vorn und die beiden hinteren Beinpaare nach hinten gestreckt. Die Tiere sehen so einem Ästchen täuschend ähnlich. Werden sie doch entdeckt, so lassen sie sich bei Berührung zu Boden fallen und sind dort nur schwer wiederzufinden. Dieser Schutz ist offensichtlich so erfolgreich, dass weder Flügel noch schnelle Fortbewegung notwendig sind. S.sipylus ist auf dem Wege zur perfekten Tarnung noch nicht so weit fortgeschritten; werden Tiere dieser Art entdeckt und angegriffen, so versuchen sie in der Regel durch schnelles Weglaufen, Flügelausbreiten und schließlich Wegfliegen (Flattern und Gleitflug), sowie durch das Ausstoßen eines deutlich riechbaren Abwehrstoffes dem Fressfeind zu entkommen.

Haltungs- und Pflegehinweise

Behälterart, -größe und -einrichtung:

Stabheuschreckenkasten
Stabheuschreckenkasten
Abb.: Kasten für Stabheuschrecken aus Holz; Vorder- und Seitenansicht.
a) Gitter, b) Türschloss (kleiner Riegel), c) und d) verschiebbare Glasscheiben, e) Schließblende, f) Führungswinkel, g) Schublade, h) herausnehmbares Zwischengitter

Es eignen sich Glas- oder Kunststoffbehälter ab einer Größe von ca. 20x20x30cm (LxBxH) wie z.B. ausgediente Aquarien und Terrarien, die oben durch einen mit Drahtgaze bespannten Deckel verschlossen werden müssen. Auch Behälter aus Holzrahmen mit Drahtgazebespannung, wie sie zur Schmetterlingshaltung und -zucht verwendet werden sind geeignet. Wichtig ist, dass man problemlos ein Wassergefäß mit den Futterpflanzen einstellen und wieder entfernen kann. Für eine über längere Zeit geplante Zucht empfehlen sich speziell dafür gebaute Behälter, die die tägliche Pflege und Reinigung erleichtern. Außer dem Gefäß für die Futterpflanzen benötigen diese Insektarien keine Einrichtung. Will man S.sipylus gezielt und kontrolliert züchten, so sollte man als Eiablagesubstrat Rinden- oder Aststücke anbieten; das ermöglicht die Überführung der Eier in gesonderte Aufzuchtbehälter. Die Reinigung der Behälter erfolgt am günstigsten tagsüber, da die Tiere inaktiv sind und nicht so leicht entkommen können. Am Boden liegender Kot, Reste der Nahrungspflanzen und abgestorbene Tiere werden entfernt.

Bei C.morosus und B. extradentatum muss man darauf achten, dass die ebenfalls am Boden liegenden Eier nicht beschädigt werden. Es ist jedoch nicht notwendig Kot und Eier zu trennen; man kann beides zusammen bis zum Schlupf der Larven in einem Aufzuchtbehälter (großes Glas mit Gazeabdeckung o.ä.) aufbewahren. Ist das Insektarium groß genug, bewährt es sich frische Zweige einen Tag vor Entfernen der abgefressenen einzustellen, sodass die meisten Tiere auf den neuen Futterpflanzen sitzen. Durch Abklopfen und -"pflücken" entfernt man die Tiere, die noch auf den kahlgefressenen Zweigen sitzen.

Fütterung und Tränkung:

Die beschriebenen Arten fressen bevorzugt Brombeer- und Himbeerblätter. C.morosus und B. extradentatum gewöhnen sich auch an das Laub anderer Pflanzen (z.B. Hainbuche, Liguster, Efeu, Brennessel, Tradescantia u.a.). S.sipylus muss auch im Winter, wenn die Versorgung problematisch wird, mit Brombeerlaub versorgt werden (Brombeeren behalten auch unter dem Schnee ihre Blätter). Engpässe konnten in unserer Zucht nur kurzzeitig mit Tradescantia überbrückt werden. Flüssigkeit wird hauptsächlich über die Nahrung aufgenommen. Werden die Behälter zur Aufrechterhaltung der optimalen Luftfeuchtigkeit besprüht, so kann man beobachten, dass die Tiere an den Wassertropfen trinken. Um zu verhindern, dass die Tiere in den für die Futterpflanzen eingestellten Wassergefäßen ertrinken, muss die Wasseroberfläche abgedeckt werden.

Fütterung:

Futterpflanzen
Wassergefäße mit Futterpflanzen
links: Abdeckung mit durchlöchertem Blechdeckel;
rechts: enghalsiges Gefäß, Öffnung mit Stengel der Futterpflanze ausgefüllt

Zuchtbedingungen:

Die beschriebenen Arten benötigen wenig Licht, doch sollte ein Tag-Nacht-Lichtwechsel eingehalten werden. Temperaturen von 18-22°C lassen die Zuchten gut gedeihen (stärkste Vermehrung bei 28°C). Auch unter 18°C ist die Haltung noch möglich, doch sollte man versuchen diesen Grenzwert nach Möglichkeit nicht zu unterschreiten. Die relative Luftfeuchtigkeit sollte nicht unter 65% fallen. Man erreicht das am besten durch tägliches leichtes Besprühen. Es muss darauf geachtet werden, dass besonders der Boden nicht zu feucht wird, da es sonst zu Schimmelbildung kommt.

Bezugsquellen:

Phasmiden (Stab- und Gespenstschrecken) werden häufig schon im Zoohandel angeboten. Ansonsten kann man über entsprechende Internetseiten (z.B.http://www.terraristik.com/) Termine von Insektenbörsen oder Adressen von Insektenliebhabern erfahren und dort Tiere erwerben.

Einsatz im Unterricht:

Die beschriebenen Arten lassen sich ohne große Probleme und mit relativ geringem Raum- und Zeitaufwand in der Schule halten und züchten. Die folgenden, ausgewählten Beispiele für den Unterrichtseinsatz sollen einige Anregungen geben. Genauere Unterlagen und Informationen über den Unterrichtseinsatz sind im SBZ erhältlich.

Literatur:

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